Viele Eltern, deren Kind gemobbt wird, stellen sich dieselbe Frage: Warum ausgerechnet mein Kind? Diese Frage ist verständlich.
Zu sehen, dass das eigene Kind über längere Zeit verletzt wird, ist schwer auszuhalten. Oft beginnt dann eine intensive Suche nach Erklärungen. Eltern fragen sich, ob sie etwas übersehen haben oder ob es einen bestimmten Grund gibt, warum ihr Kind zur Zielscheibe geworden ist. Aus fachlicher Sicht gibt es darauf eine klare und gleichzeitig entlastende Antwort:
Jede Person kann von Mobbing betroffen sein.
Mobbing trifft keine bestimmten „Typen“
Es gibt kein bestimmtes Kind, das besonders anfällig für Mobbing wäre. Mobbing betrifft Kinder und Jugendliche unabhängig von Persönlichkeit, Aussehen, Herkunft, Leistungen oder Verhalten. Ruhige Kinder können ebenso betroffen sein wie laute. Beliebte ebenso wie eher zurückhaltende. Kinder mit vielen Freund:innen ebenso wie solche mit wenigen sozialen Kontakten.
Das widerspricht dem verbreiteten Bild, dass Mobbing vor allem „schwache“ oder „auffällige“ Kinder treffe. Dieses Bild hält sich hartnäckig, ist aber fachlich nicht haltbar.
Warum zeigen Studien dennoch erhöhte Risiken für manche Gruppen?
Gleichzeitig zeigen Studien und Erfahrungen aus der schulischen Praxis, dass bestimmte Kinder und Jugendliche statistisch häufiger von Mobbing betroffen sind. Das bedeutet nicht, dass diese Kinder Mobbing verursachen oder dafür verantwortlich wären. Es zeigt vielmehr, wie stark gesellschaftliche Normen, Bewertungen und Machtverhältnisse in schulische Gruppen hineinwirken.
In vielen Klassen geraten Kinder stärker ins Visier, wenn sie von dem abweichen, was in der jeweiligen Gruppe als „normal“ gilt. Dieses Anderssein kann sehr unterschiedlich aussehen. Häufig genannt werden äußere Merkmale wie Körperform, Kleidung oder Aussehen. Studien zeigen, dass Gewicht oder sichtbare körperliche Merkmale in einem wenig achtsamen Klassenklima leichter zur Angriffsfläche werden.
Auch Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen berichten deutlich häufiger von Mobbingerfahrungen. Das gilt sowohl für körperliche und geistige Beeinträchtigungen als auch für psychische Belastungen oder Sprachstörungen. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass Mobbing dort entsteht, wo Unterschiede nicht geschützt, sondern ausgenutzt werden.
Ebenso berichten queere Kinder und Jugendliche deutlich häufiger von Beschimpfungen, Ausgrenzung oder Drohungen. Auch soziale Faktoren können eine Rolle spielen, etwa wenn finanzielle Belastungen sichtbar werden und Kinder deshalb abgewertet oder verspottet werden.
Wichtig ist dabei immer: Diese Merkmale erklären nicht, warum Mobbing entsteht. Sie erklären lediglich, woran sich Mobbing festmacht, wenn Gruppen beginnen, Unterschiede zur Machtausübung zu nutzen.

Hinweis zur Transparenz: Dieses Foto ist KI-generiert.

Hinweis zur Transparenz: Dieses Foto ist KI-generiert.
Unterschiede sind keine Ursachen
Unterschiede gehören zu jeder Gruppe. Sie sind normal und wertvoll. Mobbing entsteht nicht, weil ein Kind anders ist, sondern weil eine Gruppe lernt, Anderssein abzuwerten, und weil diese Dynamik nicht gestoppt wird.
Der Angriffspunkt kann sich jederzeit ändern. Heute ist es das Aussehen, morgen eine Note, übermorgen ein Gerücht oder eine familiäre Situation. Das zeigt deutlich: Der Angriffspunkt sagt nichts über den Wert eines Kindes aus, sondern viel über die Dynamik in der Gruppe.
Mobbing ist ein Gruppenproblem, kein Individualproblem
Mobbing entsteht dort, wo Gruppenmechanismen aus dem Gleichgewicht geraten. Wo Unsicherheit, Machtgefälle, Rollenfestschreibungen oder fehlende Intervention zusammenkommen, kann sich Mobbing entwickeln. Das bedeutet auch:
Die Verantwortung liegt nicht beim betroffenen Kind.
Kein Verhalten, kein Aussehen, keine Eigenschaft rechtfertigt Mobbing. Kinder und Jugendliche sind niemals selbst schuld daran, gemobbt zu werden.
Was bedeutet das für Eltern?
Die Frage „Warum mein Kind?“ lässt sich nicht mit einem Merkmal beantworten. Das bedeutet, dass Du nicht nach Fehlern bei Deinem Kind oder bei Dir suchen musst. Stattdessen lohnt sich ein Perspektivwechsel: Weg von der Suche nach Ursachen im Kind, hin zum Verständnis der Situation als sozialem Geschehen. Dieser Blick ist eine wichtige Grundlage dafür, Dein Kind zu stärken und gemeinsam weitere Schritte zu planen.
Und wenn Kinder oder Jugendliche das hier lesen
Vielleicht liest Du diesen Text selbst, weil Du gerade gemobbt wirst oder Dich fragst, warum Dir das passiert. Dann ist wichtig zu wissen: Mit Dir ist nichts falsch.
Mobbing sagt nichts über Deinen Wert aus. Es entsteht nicht, weil Du bist, wie Du bist, sondern weil andere ihre Macht ausnutzen oder wegsehen. Du hast ein Recht auf Unterstützung und darauf, ernst genommen zu werden.
Hilfe für Mobbingsituationen
Zu verstehen, dass Mobbing jede Person treffen kann, nimmt Schuld und Scham aus der Situation. Es öffnet den Raum für das, was wirklich hilft: Begleitung, Schutz und gemeinsames Handeln. Wie Eltern ihr Kind zu Hause sicher begleiten können und wie im nächsten Schritt Lösungen in der Schule entwickelt werden, zeigen wir in weiteren Beiträgen.
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