Warum wirken manche Konflikte in Klassen heute schneller verhärtet als früher und warum entstehen „Wir gegen sie“-Dynamiken oft scheinbar mühelos? Ein zentraler Hintergrundfaktor ist gesellschaftliche Polarisierung. Sie prägt Sprache, Haltungen und den Umgang miteinander und wirkt bis in den Schulalltag hinein. Genau dort, wo Kinder und Jugendliche Orientierung suchen und soziale Regeln erlernen.
Was bedeutet gesellschaftliche Polarisierung eigentlich?
Gesellschaftliche Polarisierung beschreibt eine Entwicklung, in der Positionen stärker gegeneinanderstehen und der Raum für Zwischentöne kleiner wird. Debatten werden emotionaler geführt, Zuspitzung ersetzt häufig den Dialog und komplexe Zusammenhänge werden vereinfacht dargestellt. Abwertende Sprache gegenüber vermeintlich „anderen“ wird sichtbarer und erhält in vielen Kontexten Aufmerksamkeit. Diese Muster bleiben nicht auf öffentliche Debatten beschränkt. Kinder und Jugendliche nehmen sie wahr und integrieren sie in ihr eigenes Denken und Handeln.
Wie wirkt sich Polarisierung auf Schule aus?
Schule ist kein abgeschlossener Raum, sondern Teil der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Klima spiegelt sich deshalb auch im Klassenzimmer wider. Viele Schüler:innen erleben, dass provokante Aussagen, Lächerlichmachen oder bewusste Abwertung Aufmerksamkeit erzeugen und soziale Resonanz auslösen. Sie lernen, dass klare Fronten oft einfacher erscheinen als das Aushalten von Unterschiedlichkeit.
Unterschiede wie Aussehen, Verhalten, Herkunft, Meinung oder Neurodiversität werden unter diesen Bedingungen schneller als Abweichung markiert. Das geschieht meist nicht aus bewusster Böswilligkeit, sondern weil diese Deutungsmuster im Alltag vorgelebt werden. Was gesellschaftlich normalisiert ist, wirkt auch im schulischen Miteinander nach.
Warum verstärkt Polarisierung Mobbingprozesse?
Mobbing entsteht nicht zufällig, sondern entwickelt sich aus Gruppendynamiken, die durch Polarisierung begünstigt werden. Wenn klare Normen dominieren, wird Abweichung schneller problematisiert. Gruppen finden leichter gemeinsame Feindbilder, weil Abwertung kurzfristig Zusammenhalt erzeugt. Gleichzeitig nehmen Empathie und die Fähigkeit ab, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Zuschreibungen wie „der ist komisch“ oder „die gehört nicht dazu“ verfestigen sich dadurch schneller und werden kaum noch hinterfragt.
Für Betroffene fühlt sich diese Dynamik häufig wie ein schleichender Prozess an, der immer enger wird. Die Rolle, die ihnen zugeschrieben wird, scheint festzustehen, während Unterstützung aus der Gruppe zunehmend ausbleibt.

Hinweis zur Transparenz: Dieses Foto ist KI-generiert.

Warum einfache Appelle nicht ausreichen
Appelle zu Freundlichkeit oder Respekt greifen zu kurz, wenn Kinder und Jugendliche täglich erleben, dass Abwertung gesellschaftlich akzeptiert oder sogar belohnt wird. Prävention kann deshalb nicht bei moralischen Aufforderungen stehen bleiben. Sie braucht Erwachsene, die Sprache einordnen, Dynamiken sichtbar machen und Verantwortung für das soziale Klima übernehmen. Ebenso wichtig sind Räume, in denen Unterschiede nicht bewertet, sondern verstanden werden können, und in denen klare Haltungen gegen Abwertung vermittelt werden, ohne neue Fronten zu erzeugen.
Was stärkt Kinder und Jugendliche gegen polarisierende Dynamiken?
Kinder und Jugendliche profitieren davon, wenn über Sprache und ihre Wirkung gesprochen wird und wenn „Wir gegen sie“-Logiken bewusst thematisiert werden. Das Einüben von Perspektivwechseln stärkt Empathie und fördert Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten. Wenn Vielfalt als Normalität und nicht als Sonderfall behandelt wird, verlieren Unterschiede an Angriffspotenzial.
Verantwortung übernehmen, bevor sich Rollen verfestigen
Gesellschaftliche Polarisierung wird nicht kurzfristig verschwinden. Schule kann jedoch ein Ort sein, an dem Schüler:innen lernen, mit Unterschiedlichkeit respektvoll umzugehen und Konflikte dialogorientiert zu bearbeiten. Mobbingprävention bedeutet deshalb auch, gesellschaftliche Muster zu erkennen, sie einzuordnen und Gruppen frühzeitig zu stärken. Je früher Erwachsene hinschauen und handeln, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich abwertende Rollen dauerhaft verfestigen.
Gemeinsam Haltung zeigen
Wenn Du bemerkst, dass polarisierende Muster in einer Klasse oder Schule an Einfluss gewinnen, lohnt es sich, früh aktiv zu werden. Zeichen gegen Mobbing e. V. unterstützt Schulen dabei, Gruppendynamiken zu verstehen und präventiv zu gestalten. So können Lernräume entstehen, in denen Zugehörigkeit nicht über Abwertung definiert wird.
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